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Küng ist vorsichtig optimistisch

Stefan Küng will zum dritten Mal in Folge Europameister im Zeitfahren werden Bild: KEYSTONE/LAURENT GILLIERON
Rad Strasse – Stefan Küng strebt am Mittwoch in München im Zeitfahren seinen dritten EM-Titel in Serie an. Der 28-jährige Thurgauer ist vorsichtig optimistisch.

Nach einer tollen ersten Saisonhälfte mit dem 3. Platz beim Klassiker Paris-Roubaix und dem 5. Gesamtrang bei der Tour de Suisse als Höhepunkten ist es Küng zuletzt nicht mehr wie gewünscht gelaufen. Der 28-jährige Thurgauer erkrankte an Corona, das Virus beeinträchtigte ihn schon beim 3. Platz im abschliessenden Zeitfahren an der Tour de Suisse. Zwar spürte er im "normalen" Leben nichts, doch auf dem Rad konnte er die letzten Prozente seiner Leistungsfähigkeit nicht abrufen. Es war nicht so, dass er schneller übersäuerte oder sich nicht von Tag zu Tag erholte, "jedoch fehlte die Power, die ich normalerweise habe."

Küng hoffte an der Tour de France täglich, dass der Knopf wieder aufgeht, das war aber nicht der Fall. In den zwei Einzelzeitfahren musste er sich mit den Plätzen 14 und 11 begnügen. Das frustrierte ihn selbstredend. Danach legte er eine Pause ein, worauf er den Fokus auf einen langsamen Aufbau legte, um zuerst wieder ein gutes Gefühl im Training zu haben. Zwei Wochen war er in St. Moritz, "dort hatte ich gute Intervall-Sessions. Die wichtigen Trainings müssen sitzen, damit ich nachher Selbstvertrauen habe. Je besser du trainierst, desto einfacher ist der Wettkampf. Das ist meine Herangehensweise."

Steigerung dank besserer Ernährung

Hat ihn eigentlich überrascht, dass er an der Tour de Suisse auch in den Bergen dermassen gut mithielt? "Definitiv. Die Limiten, die ich mir setze, sind nun höher, dementsprechend eröffnen sich für mich mehr Möglichkeiten als Rennfahrer." Küng fuhr schon immer gerne bergauf, er ist jedoch mit einem Gewicht um die 80 kg nicht prädestiniert dafür. Auf die Waage steht er allerdings nie: "Das würde mir nicht mehr Positives bringen. Ich akzeptiere meinen Körper, schliesslich habe ich meine Qualitäten."

Warum dennoch diese Steigerung bergauf? "Die Professionalisierung im Radsport half mir sicher, beispielsweise bezüglich der Ernährung", sagt Küng. "Ich hatte immer das Gefühl, diese ist ein limitierender Faktor für mich und dass mir irgendwann das Benzin ausgeht. Mit 80 statt 70 oder 60 kg musst du während einer Bergetappe energiemässig viel mehr leisten. Mit den neuen Produkten können während des Rennens mehr Kohlenhydrate aufgenommen werden als früher. Das ist ein Punkt, der mir sehr in die Karte spielte, ohne das wären solche Leistungen bergauf nicht möglich. Die Ernährung ist die grösste Veränderung in unserem Sport in den letzten Jahren. Das (was, wann aufnehmen) musst du jedoch alles trainieren."

Diesbezüglich ist die Entwicklung selbstredend noch nicht am Ende, wie auch beim Material, das insbesondere im Zeitfahren einen grossen Teil ausmacht. Insofern gehörten weiterhin grosse Investitionen in den Forschungs- und Entwicklungsbereich zu den Rahmenbedingungen, die Küng in den Vertragsverhandlungen mit dem französischen Team Groupama-FDJ stellte. Dieses wollte ihm zunächst keinen mehrjährigen Vertrag geben, weshalb er sich umschaute. Andere Equipen zeigten grosses Interesse an ihm. Das wirkte sich natürlich positiv auf seine Verhandlungsposition mit Groupama-FDJ aus, nun wurde der Vertrag bis 2025 verlängert.

Wichtige Familienzeit

Für die EM in München ist er vorsichtig optimistisch. "Seit der Tour de Suisse fühlte ich mich nie mehr in einem Rennen gleich gut wie normalerweise, das verunsichert dich natürlich. Ausserdem war die Vorbereitung sicher nicht optimal. Ich trainierte in St. Moritz nicht nur für den Mittwoch, sondern auch für das, was noch kommt (u.a. die WM)." Dass er das Zeitfahren als Titelverteidiger als Letzter in Angriff nimmt, erachtet er nur als Vorteil. Sein Motto zum Rennen: "Gut einteilen und Vollgas geben. Es wird eine enge Geschichte werden."

Im Engadin war er zusammen mit seiner Familie - er wurde zwei Tage nach der Tour de Suisse zum ersten Mal Vater. Diese Zeit genoss er sehr. "Das hat uns allen sehr gut getan", sagt Küng, der kurz nach der Geburt die Tour de France bestritten hat. "Ich habe das Gefühl, das was war, hinter mir gelassen zu haben. Meine Batterien sind wieder voll aufgeladen. Darum bin ich nun auch hier." Schliesslich will er wieder an die starken Leistungen der ersten Saisonhälfte anknüpfen.

Keystone-SDA