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Kultur
16.02.2022
17.02.2022 13:11 Uhr

Wiederholen sich jetzt die "Roaring Twenties"?

Wie werden unsere "Roaring Twenties"? Bild: Warner Brother
Langsam, aber sicher nähert sich das langersehnte Ende der Corona-Pandemie. Ein Blick 100 Jahre zurück in der Geschichte und ein Vergleich mit dem Ende der "Spanischen Grippe" erscheint gerade jetzt, nach der starken Lockerung der Massnahmen durch den Bundesrat, sehr interessant.
«Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich immer wieder.»
Mark Twain

Die letzte Pandemie fand vor rund 100 Jahren gegen Ende des Ersten Weltkrieges statt und darauf folgten die "Roaring Twenties". Die Goldenen Zwanziger stehen bekanntlich für ausgelassene Partys, ein Aufleben von Kunst und Musik. Da die Spanische Grippe, welche Europa 1918/19 heimsuchte, viele Ähnlichkeiten aufweist mit der Corona Pandemie - wie Schuldzuweisungen, diverse Verschwörungstheorien und die Art und Weise der Ausbreitung - scheint es, dass dies ein wichtiger Indikator sein könnte, wie sich nun unsere Zukunft entwickelt.

Natürlich bestehen aber auch grosse Unterschiede: Zum einen forderte die Corona-Pandemie im Gegensatz zur Spanischen Grippe weniger Opfer und wir hatten nicht simultan mit einem Weltkrieg zu kämpfen. Wir sind jedoch mit verschiedenen anderen Problemen wie der Klimakrise und dem immer noch nicht überwundenen Rassismus konfrontiert.

Vergleich Arbeitsmarkt

In den 1920er Jahren wurde der Arbeitsmarkt unter anderem aufgrund der Pandemie stark verändert, namentlich durch die Acht-Stunden-Woche und durch die Bildung von Gewerkschaften. Dies hat zu erheblichen Verbesserungen für die Arbeitnehmenden geführt. Auch die Corona-Pandemie hat die Arbeitswelt auf den Kopf gestellt. Homeoffice wurde auf einmal zum Alltag und es ist wahrscheinlich, dass es nicht von der Bildfläche verschwindet, sondern ein fester Bestandteil unseres Arbeitsalltags wird. Dies könnte die Entwicklung der Gleichstellung der Geschlechter positiv unterstützen, aber auch die Flexibilität des schweizerischen Arbeitsmarkts fördern.

Vergleich Volkswirtschaft

Die Schweizer Wirtschaft hatte es in den 1920er-Jahren hart getroffen, obwohl die Ausgaben für die Bewältigung der Pandemie sehr gering waren im Gegensatz zu den corona-bedingten Ausgaben. Der Bund gab zur Bewältigung der Spanischen Grippe und der daraus folgenden Gesundheitskrise 6,1 Mio. Franken aus, angepasst an die Teuerung waren dies 28,4 Mio. Franken. Im Gegensatz dazu belaufen sich die aktuell getätigten Ausgaben allein im Jahr 2021 auf 14’998 Mio. Franken.
Aber durch die Teuerung und die Kosten der Grenzbesetzung im Ersten Weltkrieg zur Aufrechterhaltung der bewaffneten Neutralität war die Finanzlage der Schweiz nicht gerade goldig. Begleitet von einer Rezession der Weltwirtschaft, des gescheiterten Hitler-Putsches im Jahr 1923 und der deutschen Hyperinflation fiel auch die Bilanz der Schweizer Volkswirtschaft negativ aus. Die goldenen Zwanziger waren eher Schein als Realität in diesem Bereich.
Anders sieht es jedoch zurzeit aus. Der Nachholbedarf der Gesellschaft durch die wiedergewonnenen Freiheiten lässt auf einen zu erwartenden Energieschub schliessen, der sich nicht nur auf unsere Wirtschaft auswirken wird. Die aktuellen Daten deuten auf eine anhaltende Erholung der Schweizer Wirtschaft hin, auch wenn aktuell der Dienstleistungssektor noch Omikron-Bremsspuren aufweist.

Vergleich Mode

Bekleidung war bereits vor 100 Jahren ein Mittel zur Selbstdarstellung und nicht einfach ein Schutz vor Umwelteinflüssen. Die Freude über das Ende des ersten Weltkrieges und der Spanischen Grippe reflektierte sich auch in der Bekleidung. Die Mode der Zwanziger war extravagant und glamourös. Wohl das pure Gegenteil des uns allen bekannten Trainerhosen-Looks, der uns alle zu einem gewissen Punkt durch die Pandemie begleitet hat. Doch damit ist jetzt wohl bald Schluss. Trendforschende sind sich einig, dass sich die Uhr um 100 Jahre zurückdrehen wird. Aber nicht im Sinne einer Kopie der Goldenen Zwanziger, sondern in Form einer Mode, die sich stilmässig an der Jetzt-Zeit orientiert. Dabei werden wie in den «Roaring Twenties» luxuriöse Stoffe und Farbe sowie abgefahrene Schnitte zentral sein. Die Leute werden nach der niederländischen Trendforscherin Christine Boland wieder vermehrt das Bedürfnis haben sich herauszuputzen.
Hoffentlich ist es unserer Gesellschaft in der Corona-Zeit auch bewusst geworden, welche Folgen der Konsumwahn der Fast-Fashion mit sich zieht. Der wachsende Trend zum Upcyling und Recyling von Kleidern lässt darauf schliessen.

Fazit

Zum Schluss lässt sich wohl sagen, dass die Situation vor 100 Jahren deutliche Unterschiede zu unserer Gegenwart aufweist und es äusserst anspruchsvoll ist, historische Vergleiche zu ziehen und den Differenzen gerecht zu werden. Ich hoffe aber, dass wir das Ende der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Strukturwandel nutzen, damit auch wir uns auf goldene Jahre freuen dürfen.

Lynn Grau