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20.05.2022

Weltbienentag: Die Lebensbedingungen sind schwierig

Bild: Adobe Stock
Der 20. Mai ist seit 2018 der UN-Weltbienentag. Mathias Götti Limacher, Präsident des Verbandes BienenSchweiz, erzählt im Interview, wie es um die Bienen steht und was wir für die wichtigen Tiere tun können.

«BienenSchweiz», der Imkerverband der deutschen und rätoromanischen Schweiz, vertritt als Branchenverband die Interessen der Imkerinnen und Imker – insgesamt sind dies rund 14'000 Imker:innen mit ungefähr 140’000 Völkern. Zum Weltbienentag am 20. Mai 2022 erklärt der Präsident von BienenSchweiz, Mathias Götti Limacher, was es mit dem Weltbienentag auf sich hat und wie es um die Bienen steht.

Wie kam es zum Weltbienentag?

Mathias Götti Limacher: Die Vereinten Nationen führten den Weltbienentag auf Anregung von Slowenien, einer europäischen Imkereihochburg, ein. Das Anliegen war, an die zentrale Bedeutung der Bienen für die Natur und unsere Lebensmittelproduktion zu erinnern. Dabei stehen neben den Honigbienen auch die über 30'000 weltweit bekannten und sehr oft auch gefährdeten Wildbienenarten im Fokus. In der Schweiz zählen wir rund 600 Arten, 45% davon sind akut bedroht.

Der 20. Mai bezieht sich übrigens auf den Geburtstag von Anton Janscha, geboren 1734, der als erster moderner Imker gilt. Er erfand die Zargenbetriebsweise, leitete eine der ersten Imkerei-Schulen und verfasste zahlreiche Bücher zur Bienenthematik.

Spätestens seit dem Film «More than Honey» interessieren sich sehr viele Leute für die Bienen. Bienen sind medial attraktiv, weil man Angst um sie hat. Sind die die Bienen wirklich so gefährdet?

Anton Janschas Bienen waren sicher noch nicht mit den Herausforderungen konfrontiert, wie ihre Nachkommen heute. Fakt ist, dass die Lebensbedingungen für Bestäuber und andere Insekten heutzutage generell viel schwieriger sind. Damals litten sie nicht unter Pestizideinsätzen oder einem Mangel an Blühpflanzen. Die Landschaft war damals viel weniger versiegelt – sprich zubetoniert – und wurde generell weniger intensiv genutzt. Letzteres spüren gegenwärtig vor allem die Wildbienen: Ihnen fehlt es an Strukturen, die sie als Nistgelegenheiten benötigen. Unter dem knappen Blütenangebot leiden alle Bienen. Immerhin, den Honigbienen hilft ein Imker, aber den Wildbienen hilft niemand. Im dümmsten Fall konkurrieren Honigbienen gar ihre wild lebenden Schwestern.

Die Blaue Ehrenpreis-Sandbiene hat sich ihrem Namen entsprechend auf Ehrenpreis-Gewächse spezialisiert. Fehlen diese Pflanzen, kann die Ehrenpreis-Sandbiene als Pollenspezialistin nicht überleben. Bild: futureplanter.ch

BienenSchweiz ist ja ein Imkerverband und damit "Interessenvertreter" der Honigproduzenten. Trotzdem thematisieren Sie die Situation der Wildbienen. Weshalb machen Sie das?

Die Antwort ist einfach: Sowohl Honig- wie Wildbienen leiden am selben Problem: Die Diversität in der Natur hat in den letzten Jahrzehnten massiv abgenommen. Vergleichen Sie mal ihre alten Fotos im Familienalbum zu heute, wenn sie die Natur im Hintergrund aufgenommen haben. Vor fünfzig Jahren hatte es viel mehr Obstbäume auf den Wiesen. Die Wiesen selbst waren im Frühling voller Blumen. Heute sehen Sie kaum noch Blühpflanzen im landwirtschaftlich genutzten Grasland.

Letztes Jahr mussten sehr viele Imker ihre Honigbienen mitten im Sommer mit Zuckerwasser füttern, damit sie überhaupt überlebten. Denn das Wetter war schlecht und sie konnten im Frühjahr keine Honigreserven eintragen. Wie gesagt, die Honigbienen haben einen Imker, der hilft, aber die Wildbienen? Letztlich haben aber alle Bestäuber-Insekten das gleiche Problem: Die landwirtschaftlich intensiv genutzte Natur bietet ihnen zu wenig Nahrung.

«Die Situation verbessert sich nur nachhaltig, wenn möglichst viele einbezogen werden.»
Mathias Götti Limacher, Präsident des Verbandes BienenSchweiz

BienenSchweiz bietet neu Bienenschutzkurse an. Ist das die Antwort auf die Problematik?

Es ist eine der möglichen Antworten. Wir brauchen ein Gesamtkonzept Bienenschutz, das Wild- und Honigbienen, die Imkerei, die Landwirtschaft sowie die breite Bevölkerung einschliesst. Die Situation verbessert sich nur nachhaltig, wenn möglichst viele Akteure einbezogen werden. Wir wollen niemanden an den Pranger stellen. Die positive Botschaft ist: alle können etwas Gutes für die Bienen bewirken.

Können Sie das etwas ausformulieren?

Niemand muss Bienen halten, um etwas für die Bienen zu tun. Landwirte sollen möglichst viele Blühstreifen schaffen und alle anderen schauen, ob ihr Pflanzen im Garten oder auf dem Balkon Nektar und Pollen für die Bestäuber liefern. Wem das nötige Wissen fehlt, kann unsere Kurse Bienenschutz besuchen. Dort geben wir nützliche Infos und Tipps für einen bienenfreundlichen Garten oder Balkon. Viele Informationen stellen wir auch auf www.bienen.ch zur Verfügung. Zudem haben wir ein Blühflächenförderprojekt gestartet. Zusammen mit Landwirtinnen und Landwirten, aber auch Privatpersonen und öffentlichen Körperschaften, sollen Lebensräume und Nahrungsangebote für Bienen und Insekten geschaffen werden.

Sandige Böden bieten wertvolle Nistplätze für besonders bedrohte Wildbienenarten. Bild: BienenSchweiz

Reichen denn diese Anstrengungen auf der privaten Ebene? Braucht es nicht auch die Politik?

Sicher, wir brauchen auch die Unterstützung der Politik. Deswegen engagiert sich BienenSchweiz innerhalb des Dachverbandes apisuisse. Wir haben in den letzten Jahren eine parlamentarische Gruppe Bienen gebildet und stossen auf viel positive Resonanz.

Sie scheinen zuversichtlich zu sein, dass sich die Situation für die Bienen verbessert?

Das stimmt. Wir erhalten sehr viele und sehr gute Rückmeldungen für unser Engagement. Niemand will, dass es den Bienen schlecht geht. Die Bienen geniessen viel Sympathie in der Bevölkerung und deren Lebensweise eignet sich, um über die Natur und Biodiversität zu sensibilisieren. Wir wollen diesen bestehenden Goodwill nutzen und eine blühende Zukunft schaffen.

BienenSchweiz / herisau24.ch