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Wirtschaft
10.09.2022
10.09.2022 06:25 Uhr

Aktienmärkte: Leitzinserhöhung der EZB

«Positiv ist, dass die Aktien nicht mehr sinken trotz schlechter Nachrichten», so Christopher Chandiramani. Bild: Linth24
Die Europäische Zentralbank erhöht nach langem Zögern die Leitzinsen – Euro bleibt schwach. Strom und Gas knapp mit Preissprüngen. Trauer in Grossbritannien. SMI in schwierigem Umfeld wieder über 10'900 Punkte.

Die Europäische Notenbank EZB hat ihren Leitzins um 0.75 auf 1.25 Prozent erhöht. Dies ist die stärkste Erhöhung seit Einführung des Euros im Jahre 2002. Politischer Druck, die Energiekrise und eine Teuerung von fast 10 Prozent in der EU waren massgebend. Lange zögerte die EZB wegen der Verschuldung Südeuropas (Griechenland, Italien). Nach der Zinserhöhung erholten sich die Aktienkurse leicht. Der Wechselkurs der Euros blieb unter Druck. Erdöl hat sich leicht verbilligt, trotz Drosselung der Förderung durch die OPEC.

Grossbritannien ist von massiven Veränderungen betroffen. Liz Truss folgt auf Boris Johnson als neue Premierministerin. Zwei Tage nach Amtsantritt hat sie ein Unterstützungspaket, eine Verbilligung der Energie für die Bevölkerung, präsentiert. Am Donnerstag ist die beliebte Königin Elisabeth II im Alter von 96 Jahren verstorben. Sie regierte 70 Jahre lang und gehörte damit zu den Amtsältesten. Nachfolger ist Prinz Charles.

Im Gegensatz zu Deutschland oder Grossbritannien gewährt die Schweiz keine Notfall-Unterstützung für die Bewohner, obwohl die Stromkosten auch hier durch die Decke gehen. Aber der Bundesrat gewährt dem Stromanbieter Axpo einen Notfall-Garantie von CHF 4 Mrd. für finanzielle Absicherung der Termingeschäfte.

Die Arbeitslosigkeit in der Schweiz verharrte im August weiterhin zwei Prozent und widerspiegelt damit den Fachkräftemangel. Der Arbeitsmarkt ist jedoch ökonomisch ein nachhinkender Faktor.

Unternehmensnachrichten

Der Versicherungskonzern Helvetia steigerte das Geschäftsvolumen währungsbereinigt um 1.1 Prozent auf CHF 6.8 Mrd. Grösster Wachstumstreiber war das Nicht-Lebensgeschäft, das allen Ländern überdurchschnittlich war. Der Gruppengewinn von Helvetia sank aber um 16 Prozent auf CHF 220 Mio. Grund dafür war das trübe Börsenumfeld. Das Anlageergebnis schrumpfte auf CHF 253 Mio. nach 872 im Vorjahr.

Der Rückversicherer Swiss Re passt die Risikomodelle dem Klimawandel an, das heisst Prämienerhöhungen.

Der Energieversorger BKW konnte im 1. Halbjahr den Umsatz im Vorjahresvergleich um 37 Prozent auf rund CHF 2.3 Mrd. und sein Betriebsergebnis um 46 Prozent auf CHF 330 Millionen CHF steigern. Der operative Reingewinn der BKW hat sich um 34 Prozent auf 191 Millionen CHF erhöht. Der ausgewiesene Reingewinn ist jedoch als Folge der negativen Performance des Stilllegungs- und Entsorgungsfonds tiefer ausgefallen. Die BKW verzichtet auf Bundesgarantien.

Holcim: Nach Einwilligung des brasilianischen Staates hat der Zementkonzern den Verkauf seines Brasilien-Geschäfts an CSN (Companhia Siderúrgica Nacional) zum Unternehmenswert von umgerechnet USD 1.025 Mrd. abgeschlossen.

Der Vertriebsspezialist DKSH hat in Hongkong einen Auftrag vom Gesundheitsministerium erhalten. Das Schweizer Unternehmen soll Impfstoffe gegen Corona importieren, lagern und verteilen.

Der grösste Aktionär von Kühe+Nagel und Lufthansa, Milliardär Klaus-Michael Kühne, will seine Beteiligung an der deutschen Fluggesellschaft weiter aufstocken.

Die Ratingagentur Standard & Poor's hat das Kreditrating für den Schokoladehersteller Barry Callebaut erhöht. Neu liegt die Einschätzung bei BBB nach bislang BBB- bei stabilem Ausblick.

Aussichten

Die Notenbanken haben weitere Leitzinserhöhungen für den Herbst angekündigt. Auch die Schweizerische Nationalbank SNB könnte nachziehen. Damit wäre die lange Ära der Negativzinsen beendet.

Das Problem ist allerdings, dass nicht eine überhitzte Wirtschaft gebremst werden muss, sondern die hohen Energiepreise zu dämpfen – insgesamt eine bittere Medizin mit den Nebenwirkungen einer Rezession. Damit steigen auch die Überschuldungsrisiken. Die Gewinnmargen der Unternehmungen dürften abnehmen, durch Wechselkurse und höhere Rohstoff- und Energiekosten. Einzig der Finanzsektor profitiert von grösseren Zinsdifferenzen.

Positiv ist, dass die Aktien nicht mehr sinken trotz schlechter Nachrichten. Aber vermutlich ist die Baisse noch nicht ganz überstanden, und eine Erhöhung des Aktienanteils in den Portfolios wäre noch zu früh.

Christopher Chandiramani, Börsenanalyst und freier Mitarbeiter Herisau24