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02.10.2022

Dr. Gut: «Ueli das Original»

Dr. Gut: «Selbst für seine eigene Partei, die SVP, war Maurer eine Wundertüte.» Bild: Keystone/Peter Schneider
Mit Ueli Maurer tritt der letzte Charakterkopf aus dem Bundesrat zurück. Seine viel gerühmte Volksverbundenheit sollte eigentlich selbstverständlich sein. Nun droht bürokratische Langeweile.
  • Kolumne von Dr. Philipp Gut

Nur wenige Politiker schaffen es, dass ihre Sätze Kult werden, Ikonen des Alltags, die jeder zitiert. Das «Freude herrscht!» von Adolf Ogi ist so ein Satz. Und das «Kä Luscht» von Ueli Maurer, als ihn ein SRF-Journalist interviewen wollte.
Maurer, so schien es, machte immer, was er wollte – oder eben nicht wollte. Seine Aussprüche und Handlungen waren so wenig vorhersehbar wie der Ausgang eines Münzenwurfs. Vielleicht wusste er auch selbst nicht immer, was aus ihm herausbrechen würde.
Bundesrat Maurer, das ist ein Seiltänzer zwischen Strategie und Spontaneität, ein staatsmännischer Provokateur und provokativer Staatsmann, knorrig, eigenbrötlerisch, bauernschlau.

Widerstand und Gänsehaut-Momente

Oft traf er die richtigen Worte, während andere Politiker nur Phrasen dreschen. Eine seiner letzten brillanten Ansprachen hielt Maurer beim Schwingfest auf der Schwägalp, wo er so knackig über den Wert der bedrohten Freiheit sprach, dass er für Gänsehaut-Momente sorgte.
Auch sein Widerstand gegen das autoritäre Corona-Regime, sein Auftritt im Hemd der Freiheitstrychler, seine kritischen Mitberichte im Bundesrat – all dies sprengte den Rahmen der Norm und des Protokolls. Die einen spien Gift, die anderen liessen ihm ihre Herzen zufliegen. Maurer machte einfach weiter.

Unguided Missile

Selbst für seine eigene Partei, die SVP, war Maurer eine Wundertüte. So gefestigt seine konservativ-liberalen Überzeugungen waren, so verlässlich sein bürgerlich-ländlich eingestellter Kompass – Maurer bleibt bis zum Schluss seiner Amtszeit eine Unguided Missile, eine ungesteuerte Rakete.
Geschickt nutzte er aus, dass er lange unterschätzt wurde, verspottet als «Ueli der Knecht», der angebliche Handlager des Herrn vom Herrliberg, Christoph Blocher. Das spannungsreiche Verhältnis der beiden wäre allein eine Untersuchung wert.

Zwischen Blocher und Widmer-Schlumpf

Doch Maurer, der Underdog, setzte sich bei den Bundesratswahlen 2008 gegen Blocher durch, obwohl er aus der zweiten Startreihe antrat, und überflügelte den ein Jahr zuvor Abgewählten. Mit Eveline Widmer-Schlumpf, die Blocher das Messer in den Rücken stiess, soll sich Maurer gar nicht so schlecht vertragen haben. Als er von ihr das Finanzdepartement übernahm, mistete er nicht aus, sondern baute weiter auf ihre Leute.

Was ist Maurers grösstes Verdienst?

Was Freund und Feind auch immer über ihn denken mögen: Ueli Maurer liess sich davon, zumindest äusserlich, nicht beirren. Mit ihm geht der letzte Charakterkopf in der Regierung.
Die Volksverbundenheit, die in keiner Würdigung von Maurer fehlt, müsste eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein in einem Land wie der Schweiz. In der direkten Demokratie ist der Bürger der Chef, nicht der Bundesrat. Dies gelebt zu haben, ist vielleicht das grösste Verdienst von Ueli Maurer.

Die Arroganz der Macht geht ihm ab

Die Arroganz der (geliehenen) Macht ging im ab. Er war nicht Ueli der Knecht, aber Ueli der Diener, der Diener am Volk. Und Ueli das Original.
Nun droht die bürokratische Langeweile.

Dr. Philipp Gut schreibt auf dem Online-Verbund Portal24 jede Woche eine Kolumne, die auf den 16 dem Verbund angeschlossenen Portalen jeden Sonntagmorgen publiziert wird. Seine Meinung muss nicht mit jener der Redaktion übereinstimmen.
Philipp Gut ist Buchautor und einer der profiliertesten Journalisten der Schweiz. Mit seiner Kommunikationsagentur Gut Communications GmbH berät er Parteien, Verbände, Unternehmen und Private.

www.gut-communications.ch

Dr. Philipp Gut, Kolumnist Herisau24