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Wirtschaft
29.10.2022

Börsen: Leitzinserhöhung und Neunmonatszahlen

Angesichts unverändert schlechter Rahmenbedingungen erwartet Christopher Chandiramani, dass der Druck auf die Börsen anhalten dürfte. Bild: Linth24
Bis zur Wochenmitte erholten sich die Börsen, aber die Leitzinserhöhungen der EZB, einige schwächere Unternehmenszahlen sowie generell trübere Wirtschaftsaussichten sorgten wieder für Schwankungen.

Die Europäische Zentralbank EZB hat im Zuge der Inflationsbekämpfung am Donnerstag den Leitzins um 0.75 Prozentpunkte auf zwei Prozent angehoben. Die Schweizerische Nationalbank SNB könnte diesem Schritt folgen.

Grosse internationale Firmen wie Microsoft, Alphabet (Google), Meta (Facebook) haben schlechtere Quartalszahlen veröffentlicht. Ursachen sind tiefere Werbeeinnahmen. Ebenso leidet Amazon unter Umsatzschwund.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bereitet Deutschland auf schwierige  Zeiten vor. Zitat: «Es kommen härtere und rauere Jahre auf uns zu», sagte er am Freitag in einer Grundsatzrede in Berlin. «Die Friedensdividende sei aufgezehrt. Es beginne eine Epoche mit Gegenwind.» Die Inflation ist mit zehn Prozent die höchste seit 1951 und eine Rezession droht. Allerdings ist die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal 2022 um 0.3 Prozent gewachsen und der Arbeitsmarkt bleibt robust.

Die Tessiner Stadt Lugano will zur europäischen Bitcoin-Metropole werden, dies als Kompensation. Die Tessiner Metropole hat als Bankenplatz seit dem Ende des Bankgeheimnisses an Bedeutung verloren. Allerdings sind frühere und ähnliche Absichten mit Kryptowährungen im Kanton Zug auf wenig Interesse gestossen.

Unternehmensergebnisse

Die börsenkotierte Schweizerische Nationalbank (SNB) dürfte gemäss Beobachtern für die ersten neun Monate des Jahres einen Verlust von fast CHF 150 Mrd. ausweisen. Dieser gigantische Minusbetrag nagt massiv am Eigenkapital, und lässt einen Unterbruch oder Stopp bei den Ausschüttungen an Bund und Kantone vermuten.

Der norwegische Staatsfonds hat ähnliche Probleme, er hat im dritten Quartal aufgrund der globalen Wirtschaftsunsicherheiten einen grossen Verlust erlitten. Wegen der schwächelnden Währungen und Aktienmärkte infolge von Kriegs-, Inflations- und Rezessionsängsten weist der weltgrösste Staatsfonds heute ein Minus von 449 Milliarden Kronen aus (EUR 45 Mrd.). Norwegen finanziert die Sozialausgaben über den Staatfonds.

Der weltgrösste Baustoffkonzern Holcim erzielt im dritten Quartal Rekorde bei Umsatz und Gewinn. Von Juli bis September erwirtschaftete Holcim einen Umsatz von 8.0 Mrd. Fr. Das ist ein Plus von 10.4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (13.3 Prozent akquisitionsbereinigt).

Auch die grösste Schweizer Bank UBS ist gut unterwegs. USD 1.7 Mrd. Reingewinn, Kernkapitalrendite 15.5 Prozent, harte Kernkapitalquote 14.4 Prozent. In einem schwierigen Marktumfeld wurden die Kundenbeziehungen erweitert, USD 17 Mrd. neues Geld unter Verwaltung sind dazugekommen.

Der Pharmariese Novartis weist hingegen für das dritte Quartal einen Gewinnrückgang gegenüber 2021 aus. Der Reingewinn fiel um 43 Prozent auf USD 1.58 Mrd.

Nach einem langen juristischen Gerangel hat Tesla-Chef Elon Musk den Twitter-Konzern gekauft. Mit einem Preis von USD 44 Mrd. hat nun der Multimilliardär die Leitung des angeschlagenen sozialen Netzwerks übernommen. Die Geschäftspolitik wird liberaler und das gesperrte Konto von Ex-US-Präsident Trump soll wieder freigegeben werden.

Swisscom: Zehntausende fixfertige Glasfaseranschlüsse sind aus kartellrechtlichen Gründen noch blockiert. Nun gibt der Telekommunikations-Riese überraschend nach und setzt die Behörden- und Gerichtsentscheide um, gewährt Konkurrenten Zugang.

Am Donnerstag wurden Eckpunkte der Reorganisation der Credit Suisse bekannt gegeben. Das Investmentgeschäft soll schrumpfen, die Vermögensverwaltung wachsen, der ganze Konzern soll durch Stellenabbau (in der Schweiz 2'000) verkleinert, und rund CHF 4 Mrd. neues Eigenkapital muss beschafft werden. Saudi-arabische Invasoren haben eine Beteiligung zugesagt. Marktbeobachter meinen, dies sei nach den Riesenverlusten die letzte Chance.

Aussichten

Unverändert schlechte Rahmenbedingungen: Der Ukrainekrieg hält an. Energie bleibt teuer, die Inflation hoch, der Schweizerfranken stark. Die Notenbanken planen weitere Leitzinserhöhungen. Der Druck auf die Börsen dürfte anhalten. Der SMI kämpft vermutlich nochmals mit der Marke von 10'000 Punkten.

Bei teilweise massiv tieferen Aktienpreisen werden die Dividendenrenditen wieder interessant. Bei einigen Banken und Holcim erwarten wir gute Geschäfte und gehaltene Dividendenausschüttungen. Pharma, Versicherungen und verschiedene Industriewerte könnten aber infolge der hohen Inflation tiefere Gewinne ausweisen und die Ausschüttung kürzen.

Aufgrund des zurzeit negativen Umfeldes bleibt das Geldanlegen anspruchsvoll.

Christopher Chandiramani, Börsenanalyst und freier Mitarbeiter Herisau24