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Wirtschaft
12.11.2022
13.11.2022 07:22 Uhr

Kursfeuerwerk an den Börsen

Christopher Chandiramani bleibt vorsichtig: «Ob wir uns jetzt an einem nachhaltigen Wendepunkt befinden, ist wünschenswert, jedoch noch ungewiss.» Bild: Linth24
Die Inflation in den USA schwächte sich im Oktober mehr ab als erwartet. Anleger hoffen auch auf ein Ende des Zinsanstiegs und reagieren mit einem Rally. Börsen der Schweiz, Frankfurts und New Yorks erholen sich markant.

Die Berichtswoche war geprägt von den politischen Entscheiden und Wirtschaftsdaten. Am stärksten wirkte eine gesunkene Teuerungsrate für Waren und Dienstleistungen in den USA, welche im Oktober überraschend von 8.2 im September auf 7.7 Prozent im Oktober fiel. Die Hoffnungen nehmen zu, dass die Notenbank FED bald eine weniger restriktive Geldpolitik einleitet.

Zunächst schauten viele Marktbeobachter auf die Midterms des US-Kongresses (Zwischenwahlen). Bereits vor Auszählung der Resultate aller Staaten steht fest, dass sich Republikaner und Demokraten weiterhin die Waage halten. Eine Wiederwahl des Republikaners und Ex-Präsident Trump wird unwahrscheinlich. Auch die Demokraten müssen sich einen Ersatzkandidaten für den betagten amtierenden Präsidenten Biden suchen.

Spannung und Bewegungen gab es bei den Währungen. Nach Bekanntgabe der US-Inflationsraten kamen USD und EUR gegenüber dem CHF unter Druck, bedingt durch unterschiedliche Zinserwartungen.

Crypto-Crash: Die Kurse von Ethereum, Bitcoin und andere Kryptowährungen sind innert wenigen Tagen um zeitweise über 20 Prozent eingebrochen, diese haben gegenüber dem Jahreshoch sogar ein Wertverlust von über 60 Prozent zu verzeichnen. Ursachen gibt es mehrere, Gerüchte, dass die Russen Kryptowährungen für Öl und Gas verbieten könnten und Streitigkeiten US-Kryptobrokern und Grossinvestoren untereinander.

In den ersten fünf Monaten dieses Jahres verbrauchten die Deutschen 14 Prozent weniger Gas als im Vorjahr. Die deutsche Bundesregierung plant einen Gasdeckel, eine Subventionierung von bis zu EUR 200 Mrd., um den Gaspreis ab März 2023 auf 12 Cent pro Kilowattstunde zu deckeln. Allerdings nur für 80 Prozent des Vorjahresverbrauchs. Hinzu kommt im Dezember eine weitere Soforthilfe.

Weiter steigende Immobilienpreise: Der Schweiz drohe eine Wohnungsnot. Die Nachfrage übersteige das Angebot immer stärker infolge der Bevölkerungszunahme: Laut einer Studie von Raiffeisen dürfte die Leerstandsquote von Wohnungen bereits 2024 unter die 1-Prozent-Marke sinken.

Unternehmensmeldungen

Der Umsatz des Luxusgüterherstellers Richemont ist in den Monaten April bis September 2022 überraschend stark gewachsen. Er kletterte um 24 Prozent auf EUR 9.68 Mrd. Die Erwartungen wurden übertroffen Der Aktienkurs stieg zeitweise um über 10 Prozent. Corona-Lockdowns in China, Konjunktursorgen und der Ukraine-Krieg haben bei reichen Konsumenten die Kauflaune bisher nicht gebremst. Die Marken Cartier, IWC und Piaget waren weiterhin stark gefragt.

Die Versicherungsgruppe Zurich steigerte die Bruttoprämien in den ersten neun Monaten um 8 Prozent auf USD 33.5 Mrd. US-Dollar. Grund für das Wachstum waren höhere Prämiensätze, vor allem im US-Geschäft. Die Kosten von Hurrikan «Ian» in den USA beliefen sich auf 550 Mio. US-Dollar.

Der Baukonzern Implenia stellt seine langfristige Finanzierung sicher. Der Konzern hat einen bestehenden Kredit über CHF 650 Mio. mit einem schweizerischen Bankenkonsortium bis Dezember 2027 verlängert.

Profiteur von Twitter: Die Schweizerische Nationalbank SNB dürfte von Elon Musk über USD 150 Mio. für ihr Twitter-Aktienpaket erhalten.

Aussichten

Namhafte Ökonomen und Analysten erwarten eine Rezession. Anzeichen wie ein Rückgang der Nachfrage, Investitionsbremse, Lagerabbau, Fabrikschliessungen und Stilllegung von Produktionsanlagen (Insolvenzen) seien schon da. Hinzu kommen steigende Zinsen und rekordhohe Inflationszahlen, vor allem bei der Energie. Einzig der Arbeitsmarkt ist momentan noch intakt, sogar ein Mangel an Fachkräften existiert.

Rückläufige Aktienpreise haben dies in diesem Jahr bereits viel Negatives eskomptiert. Ob wir uns jetzt an einem nachhaltigen Wendepunkt befinden, ist wünschenswert, jedoch noch ungewiss. Ein Strohfeuer kann es auch durch Eindeckung von Leerverkäufen (Short-Positionen) geben.

In den kommenden Monaten müssen wir uns vorerst noch auf tiefere Unternehmensgewinne einstellen. Würden jedoch die Notenbanken auf neue Leitzinserhöhungen verzichten, wäre ein weiterer Rückgang der Börsenkurse gestoppt.

Christopher Chandiramani, Börsenanalyst und freier Mitarbeiter Herisau24