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Herisau
19.11.2022
20.11.2022 09:40 Uhr

Damit das Geschehen in Erinnerung bleibt

Ari Hechel besucht bis zu vier Schulen pro Monat. Bild: pd / herisau24.ch
Am Freitag, 18. November 2022, besuchte ein Nachkomme von Holocaust-Betroffenen die Herisauer Sekundarschule. Er erzählte und tauschte sich mit Schülerinnen und Schülern aus.

«Das ist die Liste meiner Verwandten, die im zweiten Weltkrieg umgebracht worden sind.» Ari Hechel zeigte das Papier am Freitagmorgen der Gruppe von Schülerinnen und Schüler der dritten Sekundarklasse, bei denen er zu Gast war. Der 22-Jährige, der aus Zürich kommt und an der Pädagogischen Hochschule studiert, erzählte die Geschichte seiner Grossmutter. Hechel engagiert sich im Projekt der SET-Stiftung «Erziehung zur Toleranz: Holocaust-Nachkommen erzählen» und besucht bis zu vier Schulen pro Monat.

Vorurteilen entgegenwirken

Der zweite Weltkrieg beschäftigt die Herisauer Jugendlichen der Lernlandschaft Grün im Geschichtsunterricht. Die knapp 40 Schülerinnen und Schüler hatten am Tag zuvor eine Exkursion ins Konzentrationslager Dachau unternommen; in zwei Gruppen folgten sie nun den Ausführungen Ari Hechels, stellten Fragen, tauschten sich mit ihm aus. Die Nacherzählung basiert im Wesentlichen auf einem Interview, das Ari Hechels Vater 1985 mit Aris Grossvater geführt hat. «Die in französisch gesprochene Aufnahme auf der Tonbandkassette war schwierig zu verstehen. Ich habe mit meinem Vater Satz für Satz übersetzt.» Er erzähle das, damit das grausame Geschehen nicht vergessen gehe. «Damit es nie wieder vorkommt.» Und damit er Vorurteilen gegenüber Juden entgegenwirken könne.

«Dabei hat er nichts verbrochen»

Fotos ergänzten seine eindrücklichen Ausführungen. Er erzählte von der Grossmutter, die vor den Nazis fliehen musste, von Strassbourg nach Marseille. Von seinem Ururgrossvater, der gefangen genommen und in Auschwitz ermordet wird. «Dabei hat er nichts verbrochen.» Als Erinnerung brachte Hechel ein Gebetstuch des Ururgrossvaters in die Schule mit. Eine Europakarte half beim Verstehen der geografischen Zusammenhänge. Er berichtete von Eisenbahn-Viehwagen, in denen die Juden transportiert wurden, und überreichte den sichtlich betroffenen Schülerinnen und Schülern eine Abbildung von zwei Pässen mit unterschiedlichen Namen seiner Urgrossmutter - einem jüdischen und einem französisch klingenden. «Welcher ist gefälscht und welcher echt?» Seine Oma habe den zweiten Weltkrieg überlebt, erzählte Hechel. Auch dank Leuten, die den Menschen auf der Flucht geholfen hätten. Seine Familie feiere jüdische Feiertage an jenem Tisch, den in der Wohnung der Urgrosseltern in Strassbourg vorübergehend Nazis benützt hatten. «Wir sind noch da. Die Nazis nicht mehr.»

Der Gast aus Zürich zeigt das Gebetstuch seines Ururgrossvaters, der in Auschwitz ermordet wurde. Bild: pd / herisau24.ch
pd / herisau24.ch