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Bildung
22.08.2020
22.08.2020 11:43 Uhr

Schreinerlehrlinge: 11 Objekte in 12 Stunden

Mit coronabedingter Verspätung legten 23 Schreinerlehrlinge beider Appenzell an der Holzfachschule in Teufen ihre Teilprüfung ab.

Im dritten Lehrjahr, also knapp ein Jahr vor Lehrabschluss steht für die angehenden Schreiner die erste grosse Hürde an. Die Frauen und Männer müssen in 12 Stunden 11 kleinere Objekte herstellen, an denen die grundlegenden Schreinerarbeiten geprüft werden. Ein Blick in den Prüfungstag zeigte einen Querschnitt des Schreinerhandwerks, aber auch die Chancen und Herausforderungen der Schreinerlehre.

Ab 6:45 Uhr galt es ernst für die acht Schreinerlehrlinge, die am vergangenen Mittwoch die Teilprüfung ablegten. Eine halbe Stunde hatten sie Zeit, um zunächst die Pläne zu studieren und sich die Abläufe für den anstehenden Tag zurecht zu legen. Danach ging es los. In Postenarbeit fertigten die Jungschreiner ein Element nach dem anderen an. Ruhig und konzentriert war jeder der acht Männer mit seinem Element beschäftigt. Nach jeder Stunde wurde der Posten gewechselt, die nächste Aufgabe stand an. Und jedes Mal stieg die Nervosität spürbar, die Hände wurden unruhiger, Anspannung lag in der Luft. Nach anderthalb Tagen stand dann nochmals eine halbe Stunde zur Verfügung, während derer letzte Feinschliffe getätigt und so das eine oder andere Versäumnis aufgeholt werden konnte.

Arbeitsablauf ist entscheidend

Komplexe Arbeitsabläufe oder kreatives Schaffen sind nicht Inhalte der Teilprüfung. Es geht um grundlegende Schreinerarbeiten. Dazu gehören das handwerkliche Geschick, der Umgang mit Hobel und Handsäge, aber auch die Bedienung der verschiedenen Maschinen wie die Tischkreissäge oder die Kehlmaschine. Und doch, die meisten Fehler ereignen sich nicht in der eigentlichen Bedienung der Werkzeuge und Maschinen, sondern im Arbeitsablauf, im taktischen Vorgehen. Beispielsweise sind das Zuschneiden einzelner Furniere und die richtige Verwendung der Furnierpresse das eine. Entscheidend ist aber, in welcher Reihenfolge das Zuschneiden erfolgt, damit die Furniere fugenlos zusammenpassen; und ob die Furnierpresse so vorbereitet ist, dass die Leimarbeit zügig vorangeht, denn sonst quillt das Holz und es entstehen ebenfalls Fugen.

Gleiche Prüfung in der ganzen Schweiz

Für Thomas Meier, Leiter der Appenzeller Holzfachschule, ist deshalb die Arbeitsvorbereitung das A und O. Die Pläne müssten verstanden und zu einem vernünftigen und effizienten Arbeitsplan verarbeitet werden. Darin liegt die grösste Herausforderung. Denn die jungen Frauen und Männer sind oft zu unüberlegt, zu stürmisch … und dann zu ungenau. Dem stimmen die anwesenden Prüfungsexperten zu. Aber sie diskutieren kritisch Sinn und Zweck der einzelnen Prüfungsaufgaben, die so vom Verband Schweizerischer Schreinermeister und Möbelfabrikanten VSSM vorgegeben werden und damit in der ganzen Schweiz genau die gleichen sind.

Warum noch hobeln?

Denn die Schreinerbranche befindet sich im stetigen Wandel. Neue Maschinen und Techniken eröffnen neue Möglichkeiten und verändern den Berufsalltag. So sind computerbasierte CNC-Maschinen auch in kleineren Betrieben zum Standard geworden. Im Gegensatz dazu wird der Handhobel wohl kaum je eingesetzt. Warum also eine Hobelaufgabe an der Teilprüfung, fragt ein Experte in die Runde und gibt sich gleich selbst eine Antwort: es schule das genaue Schaffen, eine grundlegende Tugend jedes Handwerkers. «Es geht aber auch um das Spüren und Erfahren, wie Material und Maschinen zusammenwirken», meint ein anderer, «das ist eine Grundlage für die erfolgreiche Arbeit mit CNC- oder anderen Maschinen.»
Die Prüflinge haben derweil ihr Znünibrot genossen und sind bereit für die nächsten grundlegenden Schreinerarbeiten.

Clemens Fässler