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Kultur
28.08.2020
29.08.2020 10:30 Uhr

11 Wegbereiterinnen der Schweizer Kunst in St.Gallen

Im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen gab es am 28. August 2020 eine Doppelpremiere. Anlässlich der Vernissage wurde die Eröffnung der Ausstellung und der Katalog "Berufswunsch Malerin! – Elf Wegbereiterinnen der Schweizer Kunst aus 100 Jahren" gefeiert. Die Ausstellung ist für die Öffentlichkeit vom 29. August 2020 bis 31. Januar 2021 offen.

2021 feiert man in der Schweiz 50 Jahre Frauenstimmrecht – eine Errungenschaft, hinter der ein jahrzehntelanger Kampf steht. Das HVM beleuchtet in seiner neuesten Ausstellung eine andere Emanzipationsgeschichte der Frauen. Auch zur bildenden Kunst mussten sie sich den Zugang erst erkämpfen.

In der Ausstellung werden elf zwischen 1825 und 1895 geborene Frauen vorgestellt: Pionierinnen der bildenden Kunst in der Schweiz, deren Leben und Werk für das Schweizer Kunstschaffen repräsentativ ist. Diese Künstlerinnen malten nicht zum Zeitvertrieb, wie es für Töchter aus gutem Hause damals üblich war. Sie widmeten sich ernsthaft der Kunst als Broterwerb. Ihre qualitativ hochstehenden Werke bestehen denn auch problemlos den Vergleich mit denjenigen von männlichen Kollegen, obschon sie nicht die gleichen Voraussetzungen betreffend Ausbildung und Ausstellungsmöglichkeiten besassen.

6 Ostschweizerinnen unter den 11 Künstlerinnen

Unter den elf Künstlerinnen befinden sich sechs Ostschweizerinnen: Anna Elisabeth Kelly (1825-1890), die erste namentlich bekannte St. Galler Malerin; die aus Herisau stammende, lange in England als Porträtistin tätige Ida Baumann(1864-1932); Marie-Louise Bion (1858-1939) aus altem St. Galler Geschlecht; Martha Cunz (1876-1961), berühmt für ihre japanisierenden Farbholzschnitte; die Pazifistin Hedwig Scherrer (1878-1940) und die Textilkünstlerin Maria Geroe-Tobler (1895-1963), ausgebildet im Bauhaus in Dessau. Winterthur ist mit der vielseitigen Sophie Schäppi (1852-1921) vertreten, Zürich mit der energischen Ottilie Wilhelmine Roederstein (1859-1937). Für das Mittelland westlich von Zürich stehen die beiden aus grossbürgerlichen deutschen Familien stammenden Malerinnen Louise Catherine Breslau (1856-1927), eine der bekanntesten Schweizer Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts, und Clara von Rappard (1857-1912), in deren Werk das internationale Milieu der Tourismuszentren des Berner Oberlandes spürbar wird. Dazu kommt die Spätimpressionistin Martha Stettler (1870-1945) – sie war hauptsächlich in Paris tätig. Innerhalb dieser Gruppe wurde für Sophie Schaeppi ein eigener Raum eingerichtet. So kann ihr Werk erstmals in grösserem Umfang gezeigt und besonders Ins Licht gerückt werden.

Eine Pionierinnen-Existenz

Mit der bewussten Entscheidung, auf die Kunst zu setzen, verzichteten diese Frauen auf die Rollen, die ihnen von der Gesellschaft zugewiesen waren: Ehefrau, Hausfrau, Mutter. Die Existenz als Künstlerin eröffnete ihnen ganz neue Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten, stellte sie aber auch vor Herausforderungen – beruflich, finanziell, privat. Sie mussten eigene Wege finden, eigene Strategien entwickeln, um sich in der Kunstwelt zu etablieren und zu behaupten. An schwierigen Momenten, Krisen und Niederlagen fehlte es da nicht, aber auch nicht an tragenden Freundschaften und Liebesbeziehungen. Ein interessantes Detail: Verheiratet war von den elf eine einzige, eine Partnerin hatten mindestens vier.

Nach dem Erfolg das Vergessen

Zu Lebzeiten verzeichneten all diese Pionierinnen der bildenden Kunst Erfolge. Nach ihrem Tod allerdings rückten die meisten in den Hintergrund oder verschwanden ganz in der Vergessenheit. Erst in der jüngsten Zeit setzte eine Wieder- bzw. Neuentdeckung dieser Künstlerinnen ein. Zu den elf in der Ausstellung vertretenen Frauen sind glücklicherweise fast überall gute Grundlagen vorhanden, die meistens in Form von kunstwissenschaftlichen Abschlussarbeiten geleistet worden sind. Auch kennt man die Werke und ihre Standorte, so dass eine breit gefächerte Übersichtsausstellung zustande kommen konnte.

Ein Grossprojekt

Für das HVM ist diese Ausstellung eines der ehrgeizigsten Projekte der letzten Jahre. Insgesamt werden rund 180 Werke gezeigt. Beteiligt sind 48 Leihgeber aus der ganzen Schweiz – 15 öffentliche und 19 private. Dazu kommen vier private Schenkungen. Mit dieser Auswahl eröffnen sich an der Ausstellung wirklich ganze Bildwelten.

Für den Inhalt zeichnen sechs (Gast)-Kurator/-innen verantwortlich:
Anne-Catherine Krüger, Magdalena Schindler, Daniel Studer, Isabella Studer-Geisser, Corinne Linda Sotzek und Sabrina Thöny. Die Konzeptidee stammt von Anne-Catherine Krüger, Daniel Studer und Corinne Linda Sotzek. Die Projektleitung liegt bei Sabine Hügli.

Ein Grossprojekt ist aber auch der reichbebilderte Katalog, der zur Ausstellung erscheint. Acht Autoren und Autorinnen – alle Fachleute auf ihrem Gebiet – bieten vertiefende Einblicke ins Thema.

Katalog:

Daniel Studer (Hg.), Berufswunsch Malerin! Elf Wegbereiterinnen der Schweizer Kunst aus 100 Jahren, Verlag FormatOst, 2020, 240 Seiten, CHF 38.00, erscheint am 28. August.

Fr | 28. August 2020 | 18.30 Uhr

Vernissage

Daniel Studer, Direktor HVM
Elina Erhart, Stiftungsrätin HVM
Sabine Hügli, Projektleiterin

Apéro riche

Musikalische Umrahmung:
Rahel Cunz,Violine / Claire Pasquier, Klavier

Interventionen mit Autor/innen und (Gast-) Kurator/innen in den Ausstellungsräumen:
Sabine Hügli, Anne-Catherine Krüger, Barbara Rök, Magdalena Schindler,
Corinne Linda Sotzek, Daniel Studer, Isabella Studer-Geisser, Sabrina Thöny,
Peter Zünd

JG/pd