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15.11.2020

Spital-CEO: «Medien-Berichterstattung ist etwas faktenfern»

Peter Werder, CEO des Spital Linth, findet es störend, dass Infektionen mit einer Erkrankung gleichgesetzt werden.
Peter Werder, CEO des Spital Linth, kritisierte kürzlich die Covid-Medienberichterstattung. Im Linth24-Interview begründet er seine Aussage und stellt klar: «Eine Infektion ist noch keine Erkrankung.»

Linth24: Sie haben vor 2 Tagen zur Lage der Spitäler gesagt «Die aktuelle Medienberichterstattung zum Thema der Spitalbelastungen ist zurzeit schweizweit etwas faktenfern». Können Sie das genauer ausführen?

Peter Werder: Es wird von Fällen gesprochen, gemeint sind aber Infektionen. Jemand, der infiziert ist, ist noch nicht krank. Es ist immer noch offen, wie viele Infektionen nach einer gewissen Zeit, zum Beispiel nach zehn Tagen, zu wie vielen Spitaleintritten führen. An Covid erkrankt ist eine Person, die positiv getestet wurde UND Symptome zeigt. Störend ist an der Berichterstattung, dass Infektionen mit einer Covid-Erkrankung gleichgesetzt werden. Das verharmlost vor allem die schweren Covid-Verläufe.

«Unnötige Operationen werden auch in normalen Zeiten nicht durchgeführt»

Gibt es weitere Beispiele für Ihre Kritik an den Medien?

Es wird von unnötigen Wahleingriffen gesprochen, gemeint sind aber nicht absolut dringende Operationen. Der Gegensatz: Notfälle.

  • Erstens: Unnötige Wahleingriffe werden auch in normalen Zeiten nicht durchgeführt, diese würden von den Kassen gar nicht bezahlt.
  • Zweitens: Wir reden generell von Notfällen und von Wahleingriffen. Zweitere müssen nicht gleich jetzt durchgeführt werden, sind aber keinesfalls unnötig oder harmlos. Wenn Sie beispielsweise ein künstliches Hüftgelenk brauchen, dann haben Sie meist Schmerzen und möchten schnellstmöglich behandelt werden. In dieser Situation von einem harmlosen oder gar unnötigen Wahleingriff zu reden, ist irreführend und wird der Sache nicht gerecht. Wenn diese Wahleingriffe nicht durchgeführt werden, gibt es einen Stau, den wir – auch wenn es Wahleingriffe sind – nicht einfach bewältigen können. Wahleingriffe sind wichtig!
  • Drittens: Es ist in vielen Spitälern und Regionen überhaupt kein Problem, jetzt Wahleingriffe durchzuführen. Und sogar vorausschauend. Die Aussage von Bundesrat Berset und auch von anderen Politikern war irreführend. Es hat dazu geführt, dass man jetzt kritisiert, wenn Spitäler solche Eingriffe durchführen. Solange wir Kapazitäten haben, ist das kein Problem.

Wie sähe aus Ihrer Sicht eine adäquate Medienberichterstattung zu den Spitalbelastungen aus?

Weniger Meinungen, mehr Fakten – weniger Mutmassungen, was morgen sein könnte. Sagen, wenn etwas noch nicht klar ist. Wir müssen dazu stehen, wenn wir es nicht wissen.

«Die Aussage von Bundesrat Berset und auch von anderen Politikern war irreführend!»

Wieso wird aus Ihrer Sicht in den Medien oftmals Panik verbreitet?

Das aktuelle Thema ist einfach eine enorme Herausforderung für unser Mediensystem, für jeden Familien- oder Stammtisch. Wir haben es im Alltag plötzlich mit einem Wissenschaftsthema zu tun, und Wissenschaft besteht nun mal aus These und Antithese: Man stellt eine Behauptung auf, sie wird widerlegt, korrigiert – das ist Wissenschaft. Aber in den Medien wird gefragt, wieso man sich getäuscht habe…. «Gestern haben Sie doch A gesagt, heute sagen Sie B – wieso?» - «Weil das Wissenschaft ist!» Wir alle mögen halt klare Ergebnisse.

Andererseits werden aber wissenschaftliche Erkenntnisse aus emotionalen Motiven heraus hinterfragt. Wer in der aktuellen Situation seine Freiheit und Individualität durch das Tragen einer Hygienemaske gefährdet sieht, hat wohl ein eher dünnes Verständnis von Freiheit und Individualität - und wird sich an der Fasnacht, beim Töff- und beim Skifahren auch sehr unwohl fühlen. Dass Nationalrat Pirmin Schwander im Kanton Schwyz den Rechtsweg gegen die Maskenpflicht beschreitet, hat mit Medizin leider nichts mehr zu tun. Masken allein reichen nicht – aber es braucht sie jetzt doch!

«In den umliegenden Spitälern waren noch viele Betten frei»

Wie beurteilen Sie den Hilferuf des Spital Schwyz, der national für Panik und grosses Aufsehen gesorgt und den Kanton von liberalen zu knallharten Corona-Massnahmen veranlasst hat?

In der Region Schwyz hat die Bevölkerung offenbar nicht auf die Anordnungen gehört, wie man sich Corona-konform zu verhalten hat. Es gab u.a. Konzerte ohne Schutzkonzept, Maskenpflicht, Social Distancing etc. Das hat zur Belastung im Spital Schwyz geführt. Da kann schon mal Panik aufkommen. Allerdings waren in den umliegenden Spitälern noch viele Betten frei. Es ist wichtig, dass wir uns auch über die Kantonsgrenzen hinweg gut austauschen und koordinieren.

Gab es in der Schweiz jemals einen drohenden Engpass in Bezug auf Intensiv-Betten oder Beatmungsgeräte?

Diese Frage kann ich nicht beantworten. Zurzeit sieht es nicht danach aus, da die Latenz von 10 Tagen nach den 10'000 Infektionen nun vorbei ist und wir die Kapazitäten immer noch haben. Wenn es mehr als 10'000 Infektionen pro Tag werden, kann sich die Situation weiter anspannen. Es gibt eben nicht nur die Intensiv-Betten: Wir müssen a) die Kapazitäten auf den Stationen, b) die Beatmungsplätze und c) die Intensiv-Betten beachten. Die Intensiv-Betten werden schweizweit gezählt, aber viele Beatmungsplätze konnten neu geschaffen werden und tauchen in dieser Statistik nicht auf. So ist es auch am Spital Linth: Wir haben keine Intensiv-Betten, also keine IPS, aber wir haben zwei Beatmungsplätze. Abgesehen davon ist auch nicht diese Anzahl der erste Flaschenhals – sondern das Personal.

«Zurzeit sieht es nicht nach einem Engpass aus in Bezug auf Intensiv-Betten und Beatmungsgeräten»

Quarantäne, positiv Getestete, Zusatzschichten für Tests - das Pflegepersonal und damit auch die Spitäler sind am Anschlag. Wäre das zu vermeiden gewesen?

Nein. Wir haben alle immer mit Annahmen versucht, das Problem in den Griff zu bekommen – einerseits die Spitäler im Blickwinkel, andererseits die Wirtschaft. Bis jetzt ist das meines Erachtens nicht schlecht gelaufen. Die Frage ist nicht, ob man es hätte vermeiden können, sondern, ob man mit den damals verfügbaren Informationen plausibel gehandelt hat. Und ja, ich finde, das hat man. Der Pandemie ist nicht einfach medizinisch zu begegnen, sondern auch sozial oder ökonomisch. Es hilft nicht, wenn alle, die es im Nachhinein besser zu wissen meinen, auch noch in diese Meinungs-Kakophonie einstimmen.

Die meisten Spitäler schreiben 2020 ein grosses Defizit, weil sie im Frühling nicht mehr operieren durften. Was sagen Sie zur Unterstellung von Skeptikern, dass nun Covid-Patienten teilweise zu rasch hospitalisiert werden mit dem Bestreben, dieses finanzielle Loch zu stopfen?

Das wäre medizinisch verwerflich und finanziell ist das überhaupt nicht interessant. Abgesehen davon würden die Patienten das gar nicht mitmachen. Niemand kommt ohne Not ins Spital mit einer Covid-Erkrankung.

Ist Corona schlimmer als eine starke Grippe?

Zwei Sachen sind schlimmer: Die Ansteckungsgeschwindigkeit ist höher und die schweren Verläufe sind schlimmer.

«Ich wünsche mir, dass wir uns mehr auf das konzentrieren, was positiv läuft und auf die Fakten»

Wären Sie oberster Spitaldirektor der Schweiz: Was würden Sie sofort ändern?

Nichts. Ich wünsche mir nur generell, dass wir uns mehr auf das konzentrieren, was positiv läuft – und auf die Fakten. Und diejenigen, die gegen die Corona-Massnahmen wie die Maskenpflicht kämpfen, sollen doch bitte aufzeigen, wie sie das Problem lösen würden. Oder uns dann in den Spitälern helfen, wenn es eng wird.

Sibylle Marti, Linth24