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08.04.2021
10.04.2021 14:53 Uhr

"Drohender Kälte in der Gesellschaft begegnen"

Jürgen Kaesler Bild: herisau24.ch
Jürgen Kaesler ist Psychiatrie-Seelsorger im Spitalverbund Appenzell-Ausserrhoden. Der Logotherapeut, Organisationsentwickler und Theologe äussert sich im Interview zur Corona-Situation und was das mit der menschlichen Psyche macht. Herisau24 hat ihn befragt.

Herisau24: Wie erleben Sie die Menschen in dieser dritten Welle der Pandemie? 
Kaesler: Viele Menschen sind coronamüde. Alle möchten wieder hinausgehen und andere treffen. Viele möchten gerne wieder ein Fest feiern und einfach das Leben geniessen. Die andauernde Corona-Krise schlägt nicht wenigen Menschen auf das Gemüt, besonders jenen, die grosse Freude am Austausch mit anderen Menschen haben - und das sind viele. Und da ist es nur nachvollziehbar, dass einige depressiv werden und innerlich resignieren. Andere werden rebellisch und pfeifen auf die Corona-Massnahmen des Bundes. Doch zum Glück trägt eine grosse Mehrheit der Menschen die Schutzmassnahmen mit. Es besteht die begründete Hoffnung, dass diese dritte Welle die letzte Welle der Pandemie ist.

Wie kann man der Corona-Müdigkeit begegnen? 
Kaesler: Als Logotherapeut ist mir wichtig, auf die innere Einstellung hinzuweisen. Man kann die eigene Psyche damit beruhigen, indem man sich selbst sagt, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass in den nächsten Monaten die Bevölkerung geimpft sein wird. 

Es gilt jetzt einfach, durchzuhalten und sich auf das zu freuen, was anschliessend kommt. Das braucht schon einen langen "Schnauf", aber das Licht am Ende des Tunnels ist absehbar. 

Und die Tage werden länger und wärmer, sodass man sich im Freien unter Einhaltung der Schutzbestimmungen wieder vorsichtig treffen kann. Gut ist es, jetzt nochmals die Kräfte zu mobilisieren und sich selbst zu ermutigen, dass es gut kommt. 

Was sagen Sie zu all jenen, die wirtschaftlich Schiffbruch erlitten haben? 
Kaesler: Es ist für Menschen, die keine wirtschaftliche Perspektive mehr sehen, wirklich sehr schlimm. Existenzen sind kaputt gegangen oder stehen auf dem Spiel. Dies ist auch für die dazu gehörenden Familien schwer zu ertragen. Auch Mitarbeitende, die nicht weiterbeschäftigt werden können, weil man nicht mehr aufsperren kann, leiden sehr unter solchen Situationen. Es ist wichtig, dass sie Hilfe erhalten und dass Solidarität gezeigt wird. 

Menschen stehen zum Teil vor sehr tragischen Situationen, was einem in der Seele wehtut. Aber auch das Schicksal von Menschen, die durch Corona andere Menschen verloren haben, ist sehr schmerzvoll. Trost und Hoffnung sind in solchen Situationen wirklich wichtig. 

Was kann man aus der Pandemie lernen? 
Kaesler: Solidarität unter den Menschen, gegenseitiges Verständnis für die andere Seite, sei es für das Unternehmertum, aber auch für Menschen, die geliebte Menschen an die Pandemie verloren haben oder für Menschen, die Covid 19 zwar überlebt haben, aber seitdem leiden und Schmerzen haben, das ist wichtig. 

Man muss darauf achten, dass der Graben zwischen den Menschen nicht noch vertieft wird und Hass nicht genährt wird, sondern dass die Menschen wieder näher zusammen kommen, dass ein Verständnis auch für andere Situationen vertieft wird. Der drohenden Kälte in der Gesellschaft gilt es mit Solidarität und Nachbarschaftshilfe zu begegnen. 

Und dann ist noch ein bedeutender Gewinn der Digitalisierung, dass zum Beispiel nicht alles immer mit Präsenz-Sitzungen gemacht werden muss. Online-Treffen haben auch ihr Gutes in Punkto Effizienz und Zeitgewinn. 

Doch Feste zu feiern, das geht am besten Offline. Und dann werden die Menschen auch wieder Freude am Leben haben. 

Besten Dank für das Gespräch!

Herisau24