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24.11.2021

Entwurmungsmittel gegen Corona? Echt jetzt?

Das Entwurmungsmittel Ivermectin ist in vielen Ländern nicht für den menschlichen Gebrauch zugelassen Bild: aerzteblatt.de
Die St.Galler SVP-Fraktion hat in einer Interpellation unter anderem das vor allem bei Pferden angewandte Entwurmungsmittel Ivermectin als Prophylaxe und zur Behandlung von Sars-CoV-2 vorgeschlagen. Trotz Warnung von Swissmedic.

Von Vergiftungen, Zitteranfällen und Halluzinationen nach der Einnahme des vor allem bei Pferden angewandten Entwurmungsmittels Ivermectin bei vielen Österreichern berichten derzeit die dortigen Medien. Herbert Kickl, der Führer der stramm rechtspopulistisch ausgerichteten FPÖ, im Gedankengut immer wieder mit der deutschen AFD verglichen, hatte dieses Mittel öffentlich als Wundermittel gegen Coronaerkrankungen angepriesen.

Nein, Herbert Kickl ist nicht Arzt oder Pharmazeut, sondern seit jeher Berufspolitiker, der seine angefangenen Studien der Publizistik und Politwissenschaft sowie Philosophie und Geschichte allesamt abgebrochen hat.

Herbert Kickl, Parteiobmann der rechtspopulistischen FPÖ, hat als Erster im deutschen Sprachraum ein Pferdeentwurmungsmittel als Coronamedikament empfohlen Bild: dailyadvent.com

Vergiftungen durch Tiermedikament

Was dazu führte, dass dieses Tiermedikament, das es aber auch in oraler Verabreichungsform für Menschen gibt, in Teilen der Alpenrepublik ausverkauft war. Was aber auch dazu führte, dass es Vergiftungen mit den oben beschriebenen Begleiterscheinungen gegeben hat.

Die SVP-Fraktion hat jetzt in einer Interpellation im Kantonsrat das Medikament Ivermectin als Prophylaxe und zur Behandlung von Sars-CoV-2 vorgeschlagen. Obwohl kürzlich die Heilmittelbehörde Swissmedic vor dem Medikament gewarnt hat. Und obwohl Ivermectin in der Schweiz nicht für die Behandlung von Menschen zugelassen ist. Auch nicht gegen Wurmbefall.

Laut PharmaWiki wird Ivermectin seit dem Jahr 2020 für die Behandlung der Coronaviruserkrankung Covid-19 untersucht. In vitro hat es potente antivirale Effekte gegen SARS-CoV-2 gezeigt. Kleinere klinische Studien zeigen einen positiven Effekt auf die Symptome und die Sterblichkeit. Keinesfalls ist die Wurmkur aber als Vorbeugung gegen Corona geeignet.

 

Ivermectin ist bei der Entwurmung von Pferden ein gebräuchliches Mittel Bild: masterhorse.de

Höhere Dosis erforderlich

Gemäss der Literatur ist eine höhere Dosis als bei der Behandlung parasitärer Erkrankungen erforderlich. Die Behandlung erfolgte sowohl als Einmaldosis als auch über mehrere Tage. Die europäische Arzneimittelbehörde hat sich gegen eine Anwendung ausgesprochen. Auch die US-amerikanische Behörde FDA spricht sich gegen Ivermectin aus. Einzelne Länder haben sich für eine Zulassung entschieden. «Aus unserer Sicht ist Ivermectin derzeit nicht ausreichend untersucht», so das Fazit auf PharmaWiki.

Ivermectin ist in einigen Ländern in Form von Tabletten im Handel (Stromectol®). In der Schweiz ist es bisher nicht registriert und muss deshalb bei Bedarf aus dem Ausland importiert werden. Ivermectin wird seit den 1980er-Jahren medizinisch eingesetzt, zunächst vorwiegend als Tierarzneimittel.

Erinnerung an Donald Trump

Die Vorgangsweise des Herrn Kickl und aller jener, die einer Einnahme von Ivermectin bei einer Coronaerkrankung das Wort reden, erinnert doch stark an die Wortmeldungen des früheren US-Präsidenten Donald Trump, der zunächst wie ein Marktschreier das Malariamittel Chloroquin als Wundermittel gegen Corona anpries. Die Auswertung von 28 internationalen Studien durch das Universitätsspital Basel hat dann ergeben, dass Hydroxychloroquin bei COVID-19 mit erhöhter Sterblichkeit assoziiert ist und dass die Behandlung mit Chloroquin keine Vorteile mit sich bringt.

Gut in Erinnerung ist auch noch die Bemerkung des Herrn Trump, man solle doch Corona durch die Einnahme von Desinfektionsmitteln bekämpfen.

Factbox:

Ivermectin ist ein Wirkstoff aus der Gruppe der Avermectine, der zur peroralen Behandlung parasitärer Erkrankungen eingesetzt wird. Verabreicht wird es unter anderem bei einem Befall mit Fadenwürmern und Krätzmilben. Die Effekte beruhen auf der Bindung an Chloridkanäle, was zur Lähmung und zum Tod der Parasiten führt.

Die Tabletten werden in der Regel nüchtern und als Einzeldosis eingenommen. Die Nebenwirkungen sind häufig eine Folge der absterbenden Parasiten und sind deshalb abhängig von der Indikation. Ivermectin ist ein Substrat von CYP3A4 und von P-Glykoprotein. Ab dem Jahr 2020 wurde Ivermectin für die Behandlung von Covid-19 untersucht.

Wirkungen

Ivermectin (ATC P02CF01 ) hat antiparasitäre und antihelmintische Eigenschaften. Die Effekte beruhen auf der Bindung an glutamatgesteuerte Chloridkanäle, welche in Nerven- und Muskelzellen vorkommen. Die Folge ist eine erhöhte Durchlässigkeit der Zellmembranen für Chloridionen und eine Hyperpolarisation. Dies führt zu einer Lähmung und zum Tod der Parasiten. Die Halbwertszeit von Ivermectin liegt bei etwa 18 Stunden. Ferner hat Ivermectin auch antivirale Effekte gegen verschiedene Viren gezeigt.

Unerwünschte Wirkungen

Die Nebenwirkungen sind häufig eine Folge der absterbenden Parasiten und sind deshalb abhängig von der Erkrankung. Zu den möglichen unerwünschten Wirkungen gehören beispielsweise bei der Behandlung der Strongyloidiasis:

 

Der Kommentar zur Zeit:

Die Corona-Pandemie treibt seltsame Blüten. Da schlagen ausgerechnet die Impf- und Massnahmenkritiker von FPÖ und SVP, die die mRNA-Impfstoffe ablehnen, weil sie zu «neu» und am Menschen noch zu wenig erprobt seien, vor, ein Pferde-Entwurmungsmittel einzunehmen. Und zwar ein für Menschen in der Schweiz und vielen anderen Ländern nicht zugelassenes, weil nicht ausreichend erprobtes, Entwurmungsmittel. Um Corona zu bekämpfen.

Und die Anhänger, zumindest jene in Österreich, laufen diesem Schwachsinn jubelnd hinterher und kaufen die Apotheken leer. Laut Satiriker Oliver Welke ist damit die tragische Folgeerscheinung verbunden, dass wurmkranke Pferde nicht mehr behandelt werden können.

Da hätte sich der Herr Kickl aus Österreich doch etwas besseres einfallen lassen können. Etwa einem Medikament eine coronavermeidende Wirkung zuzuschreiben, das gegen Volksverblödung hilft. Dann wäre allen geholfen. Nur nicht den wirklich Coronakranken.

Meine Meinung - und Ihre?

Gerhard M. Huber, Chefredaktor rheintal24.ch

gmh/uh